Warum wird eigentlich so oft die Geliebte zur Schuldigen gemacht?
„Was will die von meinem Mann?“
„Die wusste doch, dass er verheiratet ist.“
„Sie hat unsere Ehe zerstört.“
Solche Sätze hört man immer wieder, wenn eine Affäre auffliegt. Oder wenn über Affären gesprochen wird. Fast in jedem Gespräch oder jedem Kommentar geht es nur um die „böse“ Geliebte.
Und ja: Wenn eine Frau bewusst eine Beziehung mit einem verheirateten Mann eingeht, obwohl sie von seiner Ehe weiß, kann man ihr Verhalten kritisch sehen. Sie trägt Verantwortung für ihre eigenen Entscheidungen.
Aber trotzdem gibt es einen Punkt, der dabei oft verloren geht:
Der verheiratete Mann ist nicht machtlos.
Er wurde nicht einfach von einer anderen Frau „weggenommen“.
- Er hat sich auf die Affäre eingelassen.
Er hat Nachrichten geschrieben.
Er hat Treffen vereinbart.
Er hat Nähe zugelassen.
Er hat vielleicht Gefühle geäußert und Hoffnungen geweckt.
Und genau deshalb finde ich es zu einfach, die gesamte Verantwortung bei der Geliebten abzuladen.
Warum wird die Geliebte so schnell zur Schuldigen?
Wenn eine Ehe durch eine Affäre erschüttert wird, kommen viele Gefühle gleichzeitig hoch.
Wut.
Angst.
Verletzung.
Eifersucht.
Enttäuschung.
Existenzielle Unsicherheit.
Und diese Gefühle brauchen manchmal ein Ziel.
Die Geliebte ist dabei besonders greifbar.
Sie ist die Frau, die plötzlich sichtbar wird.
Die Frau, deren Nachrichten man vielleicht findet.
Deren Name plötzlich auf dem Handy auftaucht.
Von der man weiß, dass sie Gefühle für den eigenen Mann hat.
Da liegt es nahe zu sagen:
„Sie ist das Problem.“
Denn dieser Gedanke ist manchmal leichter auszuhalten als:
„Mein Mann hat sich selbst dafür entschieden.“
Das bedeutet nicht, dass eine Ehefrau ihre Wut nicht haben darf.
Natürlich darf sie wütend sein.
Natürlich darf sie verletzt sein.
Natürlich darf sie die andere Frau ablehnen.
Aber zwischen „Ich bin verletzt von dem, was passiert ist“ und „Diese Frau ist allein schuld“ liegt ein großer Unterschied.
Die Verantwortung des Mannes wird dabei schnell unsichtbar
Gerade in Affären entstehen manchmal Geschichten wie:
- „Sie hat ihn verführt.“
- „Sie hat ihn nicht in Ruhe gelassen.“
- „Sie hat ihn manipuliert.“
- „Er konnte sich nicht gegen seine Gefühle wehren.“
Vielleicht gibt es tatsächlich Situationen, in denen jemand massiv Druck ausübt oder Grenzen überschreitet.
Aber bei einer normalen, über längere Zeit freiwillig geführten Affäre ist der Mann kein Zuschauer.
Er trifft Entscheidungen.
Immer wieder.
Und das ist auch für die Geliebte eine wichtige Erkenntnis.
Denn wenn du selbst in einer Affäre bist, kann es sehr verlockend sein, seine Ehefrau als das Hindernis zu betrachten.
„Wenn sie nicht wäre, könnten wir endlich richtig zusammen sein.“
Aber meistens ist die Situation komplizierter.
- Nicht seine Frau entscheidet, ob er sich trennt.
- Nicht seine Frau entscheidet, ob er klare Verhältnisse schafft.
- Nicht seine Frau entscheidet, ob er sein Leben verändert.
Das entscheidet er.
Und dann entsteht dieses Dreieck
Ehefrau – Mann – Geliebte.
Alle schauen aufeinander.
Die Ehefrau fragt sich:
„Was hat diese Frau, was ich nicht habe?“
Die Geliebte fragt sich:
„Warum bleibt er bei ihr, wenn er mich doch liebt?“
Und der Mann?
Der steht manchmal genau zwischen diesen beiden Welten und hält beide irgendwie zusammen.
Vielleicht mit Liebeserklärungen.
Vielleicht mit Versprechungen.
Vielleicht mit Sätzen wie:
- „Es ist kompliziert.“
- „Ich kann jetzt noch nicht.“
- „Gib mir Zeit.“
- „Du weißt doch, was du mir bedeutest.“
Und während alle Beteiligten versuchen, die anderen zu verstehen, bleibt eine Frage häufig unbeantwortet:
Was tut er tatsächlich?
Denn Worte können sehr viel Nähe erzeugen.
Aber sie ersetzen keine Entscheidung.
Wenn du die Geliebte bist
Vielleicht kennst du diese Gedanken:
- „Seine Frau macht es ihm schwer.“
- „Er wäre längst bei mir, wenn die Situation anders wäre.“
- „Er liebt mich doch.“
- „Er braucht einfach noch Zeit.“
Und vielleicht stimmt manches davon sogar.
Vielleicht ist seine Ehe tatsächlich schwierig.
Vielleicht liebt er dich wirklich.
Vielleicht ist seine Situation tatsächlich kompliziert.
Aber selbst dann bleibt eine nüchterne Frage:
Was bedeutet das für dein Leben?
Denn du kannst seine Ehe nicht lösen.
Du kannst seine Entscheidung nicht treffen.
Du kannst ihn nicht dazu bringen, sein Leben zu verändern.
Und du kannst auch nicht jahrelang dein eigenes Leben auf Pause stellen und darauf hoffen, dass irgendwann die äußeren Umstände passend werden. Leider tun das viele Frauen, ich gehörte auch dazu. :o(
Das ist der Punkt, an dem es nicht mehr darum geht, wer „schuld“ ist.
Sondern darum, wo deine Verantwortung beginnt.
Du musst/solltest seine Frau nicht „hassen“
Vielleicht ist das sogar eine der befreiendsten Erkenntnisse.
Du musst seine Ehefrau nicht als Konkurrentin betrachten.
Du musst nicht herausfinden, ob sie besser oder schlechter zu ihm passt.
Du musst nicht wissen, wie ihre Ehe wirklich aussieht.
Und du musst auch nicht gegen sie gewinnen.
Denn dein Leben ist kein Wettbewerb zwischen zwei Frauen um einen Mann.
Die entscheidende Frage ist nicht:
„Wie bekomme ich ihn dazu, sich für mich zu entscheiden?“
Sondern:
„Wie lange möchte ich mein Leben von seiner Entscheidung abhängig machen?“
Das ist ein großer Unterschied.
Und manchmal verändert genau diese Frage den Blick auf die gesamte Affäre.
Verantwortung bedeutet nicht Schuld
Das möchte ich ganz bewusst voneinander trennen.
Verantwortung heißt nicht:
„Du bist schuld an allem.“
Verantwortung heißt:
„Ich schaue ehrlich darauf, welchen Anteil ich selbst an meiner Situation habe und was ich ab jetzt damit mache.“
Das gilt für den verheirateten Mann.
Das gilt für die Ehefrau.
Und es gilt auch für die Geliebte.
Du kannst nicht beeinflussen, was er tut.
Aber du kannst beeinflussen, wie lange du wartest.
Wie oft du dein Handy kontrollierst.
Wie viel Raum seine Stimmung in deinem Alltag bekommt.
Welche Grenzen du setzt.
Und ob du dein eigenes Leben wieder stärker in den Mittelpunkt stellst.
Vielleicht ist genau das der Moment, in dem du aus diesem Dreieck langsam aussteigst.
Nicht unbedingt, weil du keine Gefühle mehr hast.
Sondern weil du beginnst, dich selbst wieder ernst zu nehmen.
Du musst nicht herausfinden, wer an der ganzen Geschichte schuld ist.
Du darfst anfangen zu fragen:
„Was brauche ich, damit es mir wieder gut geht?“
Und vielleicht ist das die wichtigere Frage.
DU ZUERST ❤️ Deine Petra :o)
